Historisches Gemäuer trifft auf frische Ideen: In Königsee wurde eine alte Brauerei zum lebendigen Praxisort. Studierende und eine Schülerpraktikantin erlebten hautnah, wie aus Industriegeschichte moderne Stadtentwicklung von morgen entsteht.

Eine über 100 Jahre alte Brauerei, ein Schornstein mit Industriegeschichte, kühle Kellergewölbe – und mittendrin eine Neuntklässlerin, 15 angehende Architektinnen und Architekten und ein echtes Stadtentwicklungsprojekt. Am vergangenen Freitag wurde die Alte Brauerei in Königsee zu einem besonderen Lern- und Praxisort.

Das Kooperationsprojekt zwischen der Stadt Königsee und der FH Erfurt wurde von uns als DSK initiiert. Es verbindet Stadtentwicklung, Stadtsanierung und Städtebauförderung mit praxisnaher Lehre – und brachte an einem Vormittag verschiedene Perspektiven zusammen: die Geschichte eines prägenden Ortes, die wissenschaftliche Sicht der Hochschule, die kommunale Praxis und den Blick des Nachwuchses.

 

Ein Ort mit Geschichte und Potenzial

Im Mittelpunkt stand die ehemalige Brauerei „Peter Bräu“, die seit vielen Jahren leer steht und mit ihrem markanten Schornstein, ihrem industriellen Charme und ihrem sanierungsbedürftigen Zustand das Stadtbild prägt. Teile des Bestands wurden bereits abgebrochen, andere Bereiche sind stark vom Leerstand und Bewuchs gezeichnet. Gerade darin liegt jedoch auch der besondere Reiz des Ortes: Die Brauerei erzählt ein Stück Thüringer Industriegeschichte und bietet zugleich Ansatzpunkte für neue Perspektiven.

Besonders eindrucksvoll war auch die Begehung der alten Keller- und Stollenanlagen unter der Brauerei, gemeinsam mit dem Eigentümer Gerhard Vorreiter. Weitläufig, verschachtelt, kühl: Während oben die Sommerhitze spürbar war, führte die Brauerei ihre Gäste ein Stück tiefer in die Geschichte des Ortes. Die frühere Nutzung wurde unmittelbar erlebbar.

 

Vom Tachymeter bis zur Drohne

Unter Leitung von Prof. Dr.-Ing. Robert Kaden, Fachgebiet Vermessung und Geoinformatik, erhielten die Studierenden der Fakultät Architektur im Rahmen eines Wahlmoduls eine Einführung in unterschiedliche Methoden des Gebäudeaufmaßes. In mehreren Gruppen wurden verschiedene Vermessungsgeräte ausprobiert – vom klassischen Tachymeter bis zur Drohne, die Kubatur, Dachflächen und den Schornstein aus der Luft erfasste.

Dabei zeigte sich schnell, dass ein echter Bestand selten so funktioniert wie ein Übungsbeispiel im Hörsaal. Dichte Vegetation, angrenzende Bäume, beschädigte Gebäudeteile und die Höhe des Schornsteins machten mehrere Anläufe erforderlich. Genau darin lag der besondere Wert des Termins: Die Studierenden konnten erleben, wie Vermessung, Bestandserfassung und Stadtentwicklung in der Praxis ineinandergreifen.

 

Nachwuchs trifft Praxis

Für die DSK waren Projektleiterin Julia Hamm sowie Schülerpraktikantin Marleen Börner vor Ort. Auch hier trafen unterschiedliche Erfahrungsstufen aufeinander: Julia Hamm begann ihren eigenen Weg bei der DSK einst als Werkstudentin und leitet heute eigene Projekte. Marleen erhielt als Schülerpraktikantin einen Einblick, den kein Schulbuch liefert: historische Bestandsgebäude, Fragen der Stadtentwicklung, die Zusammenarbeit mit Hochschulen und Kommunen – alles an einem Tag und direkt am Objekt.

Als Bildungsbotschafter der FH Erfurt möchten wir solche Schnittstellen weiter stärken. Das Projekt zeigt, wie wertvoll es ist, junge Menschen frühzeitig mit realen Aufgabenstellungen in Berührung zu bringen und ihnen zu zeigen, wie vielfältig Stadtentwicklung sein kann.

Die Alte Brauerei Königsee ist dafür ein anschauliches Beispiel. Ein leerstehendes, stadtbildprägendes Areal ist nicht nur eine Herausforderung, sondern auch eine Chance: für neue Perspektiven, kreative Ideen und eine Entwicklung mit eigener Identität. Manchmal beginnt dieser Prozess mit einem gemeinsamen Blick auf einen schwierigen Bestand – und mit der Frage, welches Potenzial in ihm steckt.


















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