24. August 2026
Stadtentwicklung beginnt im Quartier
Warum Stadtteilmanagement weit mehr ist als Beteiligung – und wie Kommunen davon langfristig profitieren
Fotos Seifenkisten: Patrick Lucia
Was bedeutet eine „Stadt für Menschen?
Städte sind weit mehr als Gebäude, Straßen, Wege, Plätze und Infrastruktur. Sie sind Lebensräume, in denen Menschen sich wohlfühlen, begegnen und verweilen sollen. Eine lebenswerte Stadt entsteht dort, wo sich Menschen mit ihrem Umfeld identifizieren und die Möglichkeit erhalten, sich aktiv in Entwicklungsprozesse einzubringen. Eine Stadt für Menschen entsteht nicht allein durch bauliche Investitionen. Entscheidend dafür sind vielmehr niedrigschwellige Beteiligungsangebote und eine nachhaltige Herangehensweise, bei der Ideen gemeinsam mit der Stadtgesellschaft entwickelt werden.
Die Einbeziehung aller Altersgruppen, unterschiedlicher Kulturen, Zugewanderter, sozialer Träger, Institutionen, Verwaltung und lokaler Wirtschaft ist dabei ebenso wichtig wie die Berücksichtigung gesellschaftlicher Veränderungen und aktueller Herausforderungen – etwa im Zusammenhang mit Klimawandel und Stadtnatur. Ein bewährtes Instrument der integrierten Stadtentwicklung ist in diesem Zusammenhang das Stadtteilmanagement.
Stadtteilmanagement – Rolle und Bedeutung für die Stadtentwicklung
Ein Stadtteilmanagement schafft in entsprechenden Förderkulissen, beispielsweise im Bund Länder Programm „Sozialer Zusammenhalt Zusammenleben im Quartier gemeinsam gestalten“, eine Schnittstelle, die Stadtentwicklung gemeinsam mit den Menschen vor Ort unterstützt. Das Stadtteilmanagement agiert als Mittler zwischen Bewohnerschaft, Verwaltung, Politik und lokalen Akteuren. Es ist Kümmerer, Koordinator und Impulsgeber zugleich.
Im Fokus stehen die Förderung des sozialen Miteinanders, die Entwicklung von Beteiligungsprozessen, die Stärkung vorhandener Netzwerkstrukturen und damit verbunden die Identifikation mit der eigenen Stadt.
Seit 2013 ist die DSK mit der Umsetzung des Stadtteilmanagements in Forst (Lausitz) beauftragt. Die Erfahrungen vor Ort zeigen, dass wirksames Stadtteilmanagement Präsenz und Kontinuität braucht. Gerade in der Anfangszeit war die tägliche Anwesenheit vor Ort ein wesentlicher Erfolgsfaktor für den Aufbau von Kontakten und den Zugang zu relevanten Akteuren der Stadtgesellschaft. Die Aufbauphase war geprägt vom aktiven Zugehen auf potenzielle Partner. Es brauchte Zeit, um Vertrauen aufzubauen und die Rolle des Stadtteilmanagements sichtbar und verständlich zu machen. Besonders wirksam war dabei die Initiierung eigener Projektideen und die gezielte Aktivierung engagierter Mitstreiter:innen aus der Stadtgesellschaft.
„Bring ein Buch – nimm ein Buch – lies ein Buch!“ – die Forster Bücherbox
Zur Aufwertung eines Wohnquartiers wurde 2012 die Forster Bücherbox eingeweiht. Sie dient als offene Bibliothek und hat sich zu einem Ort der Begegnung und Kommunikation entwickelt. Und sie ist die bisher einzige begehbare Litfaßsäule deutschlandweit. Voraussetzung für die Umsetzung war die Aktivierung eines stabilen Netzwerkes an Kümmerern. Deren Vernetzung trägt bis heute zur Entwicklung des Quartiers als lebens- und liebenswerter Stadtteil bei.
Mittlerweile hat bei den Bücherbox-Paten aus Altersgründen ein Generationenwechsel stattgefunden. Über Aufrufe in Presse und Hörfunk konnten neue Mitstreiter:innen gewonnen werden. Vier Bürger:innen sorgen heute eigenständig für Ordnung, übernehmen das Sortieren der Bücherspenden sowie das Auf- und Zuschließen der Bücherbox. Auch Herausforderungen gehören dazu. In der Vergangenheit kam es wiederholt zu Vandalismus und Sachbeschädigungen.
„Sauberhaftes Forst“ – Frühjahrsputzmit Breitenwirkung
Aus der Identifizierung vermüllter und verunreinigter Bereiche im öffentlichen Raum entstand die Idee zum „Forster Frühjahrsputz“, der 2014 erstmals mit 30 Mitwirkenden durchgeführt wurde. Bereits im Folgejahr beteiligten sich nahezu 600 Personen aller Altersgruppen, darunter zahlreiche Horte und Kitas.
Vereine, soziale Träger, Verwaltung, Zugewanderte, Institutionen, Schulen, Horte, Kitas und Bürgerschaft unterstützen seitdem die Aktion zur Verschönerung des öffentlichen Raumes. Gemeinsam reinigen sie Flächen, die im Vorfeld mit dem städtischen Betriebsamt abgestimmt werden.
Nach der Unterbrechung während der Corona-Zeit wurde der Frühjahrsputz verstetigt und wird inzwischen durch die Stadtverwaltung – Fachbereich Bildung und Soziales – weitergeführt.
„Forster Seifenkistenrennen“– Beteiligung durch gemeinsames Gestalten
Die Idee eines Seifenkistenrennens wurde von verschiedenen Bürger:innen unabhängig voneinander an das Stadtteilmanagement herangetragen. Im Rahmen der Vernetzungs- und Koordinierungsarbeit entstand daraus eine Arbeitsgruppe. Seit 2020 wird mit bürgerschaftlichem Engagement in der Gebietskulisse Sozialer Zusammenhalt an der Neiße das „Forster Seifenkistenrennen“ organisiert.
Im Mittelpunkt steht dabei nicht nur das Rennen selbst, sondern vor allem der kreative Bauprozess unter Berücksichtigung der nachhaltigen Verwendung gebrauchter Materialien. Eine bunte Vielfalt an Seifenkistenmodellen, vom UFO über umgebaute Badewannen bis hin zu Apfelkisten, Babybetten und Dreirädern, lockt inzwischen Teilnehmende und Besucher aus dem Umland und anderen Bundesländern an.
Neue Anforderungen an das Stadtteilmanagement
Im Laufe der Jahre verändern sich die Rahmenbedingungen in den Kommunen. Netzwerkpartner, insbesondere soziale Träger, sind häufig von öffentlichen finanziellen Zuwendungen abhängig. Nicht alle Beratungsangebote stehen dauerhaft zur Verfügung und wichtige Partner sowie Multiplikatoren brechen weg.
Auch beim bürgerschaftlichen Engagement spielt der demografische Wandel zunehmend eine Rolle. Vor allem in der Vereinslandschaft ist spürbar, dass weniger engagierte Menschen nachrücken. Die Aktivierung neuer Mitwirkender wird damit zu einer immer wichtigeren und zugleich anspruchsvolleren Aufgabe. Kontinuität ist deshalb ein zentraler Erfolgsfaktor für wirksames Stadtteilmanagement. Sie setzt eine verlässliche mittel- und langfristige Finanzierungsabsicherung voraus – insbesondere über die Städtebauförderung.
Ein weiterer wichtiger Ansatz ist die Einbindung kommunaler Verwaltungsstrukturen in die nichtinvestiven Maßnahmen des Stadtteilmanagements. Dies kann zu einer positiven Wahrnehmung der Stadtverwaltung beitragen. Gleichzeitig zeigt die Praxis, dass der Erfolg maßgeblich von den handelnden Personen und ihrer Bereitschaft zur Zusammenarbeit abhängt.
Stadtteilmanagement ist weit mehr als eine begleitende Beteiligungsmaßnahme. Es schafft Vertrauen, aktiviert lokale Ressourcen, stärkt Verantwortungsgemeinschaften und macht Stadtentwicklung vor Ort erlebbar. Die Stärkung des bürgerschaftlichen Engagements, die Bündelung lokaler Ressourcen sowie die Begleitung und Unterstützung bei Problemlösungen sind Aufgaben, die insbesondere durch ein Stadtteilbüro mit niedrigschwelligem Zugang für alle Interessierten ermöglicht werden.
Wer Städte für Menschen gestalten will, muss deshalb nicht nur in Räume investieren, sondern auch in die Strukturen, die Menschen zusammenbringen, Beteiligung ermöglichen und Engagement langfristig tragen. Denn lebenswerte Quartiere entstehen dort, wo Stadtentwicklung gemeinsam mit den Menschen gedacht und gemacht wird.